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Weit mehr als eine "Babysitterin"

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von Hanswerner Kruse

Schlüchtern

Zum zweiten Geburtstag der kleinen Ebru gab es vor einiger Zeit ein festliches Frühstück bei Tagesmutter Lamya Yaqona.

Derzeit betreut sie in ihrer Kindertagespflege in der Schlüchterner Innenstadt neben dem Mädchen noch den dreijährigen Taylor.

Gesichter und Geschichten

Später stellt sie im Spielzimmer den CD-Player an und tanzt theatralisch mit den Kindern: „Zeigt her eure Füße“ oder „Häschen in der Grube“. Sie spielt mit ihnen „Ticke,
Tacke“ für kleine Uhren und armeschwenkend „Bim Bam“ zu großen Turmuhren. Als „Hoppe, hoppe Reiter“ aus dem Lautsprecher ertönt, stürzen die beiden Kleinen wie die Wilden los und holen ihr rotes und blaues Hüpfpferd. Noch bevor es heißt „macht der Reiter plumps“ lassen sie sich bereits genüsslich fallen.

Wie andere Tagesmütter auch, ist Lamya eine ausgebildete pädagogische Fachkraft und keine „Babysitterin“.

Sie bietet dadurch eine besondere Alternative zu städtischen oder kirchlichen Kindertagesstätten. Denn für manche Kinder ist es hilfreich, sich in eine kleine Gruppe zu integrieren; die Eltern betonen dagegen oft die Flexibilität der Tagespflege und die Möglichkeit, ihr Kind in der Nähe unterzubringen. Die Kleinen kommen zwischen 7 und 8 Uhr zu ihr, nach dem gemeinsamen Frühstück können sie erst einmal spielen, toben und tanzen.

Später schauen sie gemeinsam Bücher an, die Tagesmutter liest etwas vor. So oft wie möglich geht sie mit den ihr anvertrauten Kindern hinaus. Die Kleinen lieben derzeit Baustellen – nicht zufällig nennen sie alle Autos
zunächst mal „Bagger“. Aber sie lieben auch die Gänse in einem großen Garten in der Nähe und erstaunlicherweise auch Müllautos. Mittagessen mit Nudeln oder Reis und viel Gemüse gibt es zwischen 12 und 13 Uhr. Im Sommer schlafen sie anschließend nicht so lange. In einem strukturierten Tagesablauf lernen die Kinder soziales Verhalten, feinmotorische Bewegungen, altersübliche Konzentration, singen und sprechen. Sie entdecken
ihre Umgebung – und die Notwendigkeit des Aufräumens.

Seit 16 Jahren im Bergwinkel

Vor über zehn Jahren besuchte Lamya Yaqona die Weiterbildung beim Main-Kinzig-Kreis, arbeitete in einer Kindertagesstätte und legte die Prüfung ab. Mittlerweile ist die aus dem Irak stammende ehemalige Lehrerin seit 16 Jahren im Bergwinkel. Mit ihrem Mann und drei Kindern flüchtete die katholische Christin vor dem Bürgerkrieg und dem Terror. Die erwachsenen Kinder – zwei Töchter und ein Sohn – wohnen nicht mehr bei ihr und sind jetzt Deutsche. Die Mutter, die vor vier Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt, ist stolz auf sie: „Alle sind so gut in Sprachen und haben am Hutten-Gymnasium ihr Abitur gemacht.“ Gemeinsam besuchte sie mit ihrem Nachwuchs die in Nordamerika verstreute irakische Familie. Dort wurde deutlich: An einem Leben in den USA oder Kanada haben ihre großen Kinder kein Interesse: „Für sie ist Deutschland ihre Heimat!“

Kinzigtal-Nachrichten 15.08.2025